Christian Death am 19.10.2016 im Bi NUU

ChristianDeath Konzert

Eigentlich stecken mir noch The Cure in den Knochen und schon geht es weiter. Wieder steht ein ganz besonderes Event im Kalender: Christian Death. Von den 5 Bands, mit denen ich seinerzeit begonnen habe, über Musik ein Lebensgefühl zu reflektieren tritt die nächste Combo in der Hauptstadt an, einen denkwürdigen, wenn auch gänzlich gegenteiligen Abend zu zelebrieren. Ging es gestern noch eher melodiös und bombastisch zu, wird es heute sehr intim und musikalisch beinahe experimentell.

Die Location

Das ehemalige Kato am U-Bahnhof ‚Schlesisches Tor‘ war ja zu seiner Zeit immer schon bekannt für sorgfältig ausgewählte Club-Gigs. Seitdem der Laden nun als ‚Bi NUU‘ seine Pforten wieder geöffnet hat, geht das leider nicht mehr ganz so weiter. Nichtsdestotrotz: Wenn eine Institution wie Christian Death ruft, ist die Location absolute Nebensache.

Ich stehe also vor dem ‚Bi NUU‘ und warte bei einer Kippe und einem für Berlin recht typischen Wegbier auf meine Mitstreiter. Schon hier wird klar – voll wird das heute nicht. Klar, für die Band immer nicht so schön, aber nach der gestrigen Szene-Vollversammlung war ich darüber gar nicht mal so unglücklich. Bei der Gelegenheit komm ich mit zwei offensichtlichen Hardcore-CD-Fans ins Gespräch, die ebenfalls mit mir hier rumlungern. Ich hab’s erst gar nicht glauben wollen, aber die Jungs fahren tatsächlich die komplette Europa-Tournee mit ab. Super, dass es sowas auch für musikalische Nischenanbieter heutzutage noch gibt. Ich bin beeindruckt. Irgendwann waren wir dann schließlich komplett und so ging’s dann also rein.

Whispers in the Shadow

Das Timing war perfekt, denn schon ging’s los. Zunächst gaben sich Whispers in the Shadow die Ehre, die ich bis dahin nur von ein/zwei Sampler-Beiträgen kannte. Musikalisch fand ich das Set recht gut gemacht. Eine vom Post-Punk inspirierte Wiener Gothic-Interpretation von Progressive Rock über Rockabilly bis Wave und Indie. Schwierig für mich war die wie ich fand zu fiepsige stimmliche Komponente vom Frontmann Ashley. Alles in allem aber ein durchaus sehenswerte Leistung der vier Österreicher.

Christian Death

Nach einer kurzen Umbaupause mit einen scheinbar nie endend wollenden Einstell-Marathon der Beamer war es dann endlich soweit. In Kutten gehüllte mysteriöse Gestalten, den gesenkten Kopf tief in der Kapuze vergraben, den Blick auf den Boden gerichtet und ein goldenes Jesus-Kreuz tragend, das von zwei Knochen gekreuzt wird …  Das inzwischen auf ein Trio reduzierte kultbeladene Projekt Christian Death zelebriert seinen Einmarsch.

Martialisch bricht der typische Christian Death Sound über die erwartungsvollen Ohren der rund 70 Gäste des Abends herein. Sägende Gitarren-Gewitter aus Valors Stratocaster treiben unseren Blutdruck auf Sollpegel.

Christian Death Berlin

Christian Death spielen im Bühnenbild an diesem Abend wieder einmal gekonnt mit dem einmaligen Cocktail an Elementen, aus denen sie ihr Lebenswerk zusammengeköchelt haben. Neben Romantik wird durchaus auch Chaos, Politik oder Gewalt thematisiert. Für meine persönlichen Erfahrungen kam heute erstmals auch noch eine neue Komponente hinzu – Christian Death haben Spaß am Gig gezeigt.

Für mich eine grandiose Mischung: musikalisch romantisierte Arrangements mit bissigen Texten wie ‚Angels ’n drugs‘, rosenbesetzte Mikrofongalgen, Videos von Massengräbern aus Krisengebieten, spitzenbesetzte Molton-Abhänger auf der Bühne, experimentierfreudiges bisweilen sogar atonales Material und ein mit dem Publikum in regem lockeren Austausch stehender Valor. Gewagt. Gemacht. Gekonnt.

Die Gothic-Amazone Maitri hatte sich am heutigen Abend dankenswerterweise wieder für den Bass entschieden, was ich für einen Live Act als alternativlos erachte. Ihre Keys kamen somit vom Band. Faszinierend waren für mich ihre Vocals. Obwohl sie einen eigenen Stil in die Band einbringt, meistert sie auch ursprünglich von Gitane Demone institutionalisierte Nummern wie ‚Tales of Innocence‘ bravourös. Das Ganze hat sie präsentiert in einem irisfreundlichen, figurbetonten schwarzen Outfit und offenem Haar – alles richtig gemacht. Check!

Mit George Belanger haben Christian Death einen Ausnahmedrummer aufgetrieben, der mich an dem Abend jedoch am stärksten beeindruckt hat. Einmal darauf eingeschossen war er für mich der Aufmerksamkeitsmittelpunkt des Abends. Es war wirklich inspirierend zu beobachten, wie er Maitri und Valor durch den Abend geleitet hat. Immer, wenn das Chaos drohte außer Kontrolle zu geraten setzte er gekonnt Orientierungspunkte, mit denen die beiden sauber wieder den Weg zurück fanden – ähnlich wie ein Leuchtturm bei rauer See. Nebenbei hat George übrigens auch noch den Ton gemischt. Am Pult des Clubs kam an diesem Abend lediglich ein Summen-Signal an. Respekt!

Ein Fazit

Es ist unglaublich, welchen Esprit Christian Death auf der Bühne verströmen. Inzwischen auf drei Akteure geschrumpft gelingt es nach 37 Jahren Bandgeschichte immer noch, die Kraft ihrer Gründertage und gleichzeitig die über Jahre in wechselnder Besetzung perfektionierte Mixtur aus Kummer, Leid, Chaos und Wahnsinn mit einer Glaubwürdigkeit auf die Bühne zu stellen, die bemerkenswert ist. Auch wenn aus Gründertagen niemand mehr an Bord ist, hat Valor nach seinen inzwischen 31 Jahren in der Band das Projekt stilistisch und technisch nach wie vor fest in der Hand wobei er durchaus Raum für die anderen Bandmitglieder lässt. Ich ziehe wieder einmal meinen Hut vor dieser Institution des Genres. Wer mit der Musik von Christian Death etwas anfangen kann, muss die Band meiner Meinung nach unbedingt live gesehen haben.

Christian Death

Fotos: Rico


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Über Rico:

Platten, Konzerte, Festivals, Clubbing, die eigene Band,... Musik ist nicht alles - aber ohne Musik ist alles nichts!

hat bereits 5 Artikel auf dem Schwarzen Board verfasst.

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