SWANS im Berghain, Berlin (2014)

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Im Rahmen meiner Tätigkeit hier möchte ich neben aktuellen Ereignissen gern auch ein paar Worte zu prägenden Erlebnissen verlieren, die inzwischen schon ein paar Tage her sind.

Heute also: SWANS im Berliner Berghain, Oktober 2014

Das Anfang der 80er gegründete Projekt SWANS um den Sänger und Multi-Instrumentalisten Michael Gira gab seinerzeit im Berliner Berghain gleich zwei ausverkaufte Konzerte – welche sich als Abende der Extraklasse entpuppen sollten. Das musikalische Konzept der Swans entspringt dem Noise, allerdings bringt die Band das musikalische Konzept dahinter auf die nächste Evolutionsstufe. Wir reden von einem Hochamt des Lärms, einem Ritus jenseits einschlägiger Rockformate. Das Berghain ist bekanntermaßen alles andere als zimperlich, was den dargebotenen Signalpegel anlangt. Da will es schon etwas bedeuten, wenn am Eingang ein A2-Plakat aufgehängt ist, auf dem der Konzertbesucher aufgrund der zu erwartenden EXTREMEN Lautstärken (war tatsächlich in Großbuchstaben geschrieben) doch bitte Gebrauch von den kostenlos bereitgestelltenen Ohrstöpseln machen soll, die am Eingang bereit liegen. Es sollte sich herausstellen, dass dies keine leere Drohung war…

 

Pharmakon

 

Den Auftakt gab Pharmakon – eine schwarzgekleidete blonde Alleinunterhalterin aus den Vereinigten Staaten. Sie beginnt auf einem offenbar selbst zusammengelöteten Brett mit einem bunten Sammelsurium an Tonabnehmern und Saiten schmerzhafte Sounds aller Art zu erzeugen: Tinnitusfiepen, knapp neben dem Herzschlag pulsierende Bässe und spitze ausdauernde Rückkopplungen – ein Set, das sich – zumal angereichert mit text- und subjektlosem Kreischen und Brüllen – direkt in die Hirnlappen des arglosen Konzertgängers fräst. Nach knapp 45 Minuten ist dieser dann bis in die Weichteile durchgepflügt und somit optimal vorbereitet. Die damals 23- jährige hat einen wahrlich ordentlichen Job gemacht.

Die Herren von den Swans lassen sich nun Zeit. Zunächst grummeln 15 Minuten lang nur Becken und Bässe. Der Mann, der mit den Watteschlägeln die Becken maltretiert, ist Thor – eine beeindruckend martialische Gestalt. Nach inzwischen runden 20 Minuten ist die Band noch immer nicht komplett auf der Bühne. Die Zuhörer haben jedoch inzwischen jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Die angebotenen Soundwände stehen monumental im Raum – ein Sound wie ein ausbrechender Vulkan. Nach und nach erscheinen die restlichen Bandmitglieder und ganze 30 Minuten nach Kontzertbeginn rüttelt der Chef endlich selbst erstmalig an der Gibson-Gitarre – und fortan steuert er den Lärmangriff, der zweieinhalb Stunden andauern und aus immerhin sechs Stücken bestehen sollte.

 

Gira

 

Seit über 30 Jahren betreibt Gira inzwischen nun schon die Swans. In dieser Zeit haben sie selbstverständlich unterschiedliche Phasen durchlebt – musikalisch und dramaturgisch. Die aktuellen Arangements sind für mich am ehesten dadurch gekennzeichnet, dass sie die Erwartung der Hörer so lange reizen, bis dieser ermüdet in sich zusammenfällt – um dann umso unvorbereiteter von den explosiven und monumentalen Ausbrüchen der Band überrascht zu werden. Ein Wahnsinns-Effekt, den man selbst erlebt haben muss.

Swans sind sicherlich kein Paket, dass man jedem anbieten kann – aber denjenigen, die offen und interessiert sind an einem anspruchsvollen Genre-Cocktail aus Noise-Rock-Riffs, meditativen Arragements und brachialem Soundgewitter, denen seien die SWANS nachdrücklich ans Herz gelegt.

Eine besondere Erwähnung muss hier die sicherlich schon viel besprochene Sound-Anlage des Berghain finden. Sie beste Soundanlage nutzt nix, wenn man sie nicht bedienen kann – insofern muss ich mich auch beim Tontechniker des Abends bedanken. Selten habe ich ein so perfekt lokalisierbares, so transparentes und so druckvolles Hörerlebnis live geboten bekommen, wie es die Funktion One 6.1 des Berghain in den Händen eines grandiosen audiophilen Künstlers am Mischpult vermocht hat. Danke sehr!

Bilder: Rico

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Über Rico:

Platten, Konzerte, Festivals, Clubbing, die eigene Band,... Musik ist nicht alles - aber ohne Musik ist alles nichts!

hat bereits 5 Artikel auf dem Schwarzen Board verfasst.

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